Familienregeln

Regeln vs. Grenzen: Was brauchen Kinder wirklich?

Eltern, Großeltern, Pädagogen und gerne auch alle, die keine Kinder in ihrem Umfeld haben, streiten sich heute um ein großes Thema der Erziehung:
Brauchen Kinder Regeln? Und wenn ja, welche und wie setzt man diese durch? Und wie ist das mit Grenzen? Testen Kinder diese gerne aus? Und wo besteht überhaupt der Unterschied zwischen Regeln und Grenzen?

Regeln in unseren Systemen

Unser Leben und unsere Gesellschaft besteht aus Systemen. Alle Organisationen wie Kindergärten, Schulen und auch Unternehmen unterliegen einem System. Unsere gesamte Demokratie ist ein System und diese funktionieren nicht ohne Regeln. Regeln sind in diesen Systemen wichtig, denn ohne sie, wäre es ziemlich chaotisch auf unserer Welt. In manchen Ländern wird sich an diese Regeln strenger gehalten, in manchen weniger. Genauso werden Regelbrüche in verschiedenen Systemen unterschiedlich bestraft. Diese Strafen werden auch gerne Konsequenzen genannt, was meiner Meinung nach häufig nur ein netterer Ausdruck dafür ist.

In unseren Systemen haben wir meistens nur wenig bis überhaupt keinen Einfluss auf diese Regeln. Sie werden uns vor die Nase gestellt und wir müssen uns daran halten, ob wir wollen oder nicht. Wir können uns diesen nur entziehen, wenn wir aus dem System aussteigen. Wenn uns also die Regeln und ihre strafrechtlichen Maßnahmen eines Landes oder einer Firma nicht gefallen, können wir auswandern oder kündigen.

Natürliche Grenzen

Grenzen unterscheiden sich zu Regeln in dem sie meist natürlich und individuell sind. Jeder Mensch hat seine natürlichen Grenzen, seien es Grenzen der psychischen Belastbarkeit oder körperliche Grenzen. Diese Grenzen sind dynamisch, das heißt sie sind veränderbar. Ist meine körperliche Grenze zum Beispiel dass ich nur 30 KG mit beiden Armen stemmen kann, so kann ich diese Grenze ausweiten, indem ich ins Fitnessstudio gehe und trainiere. Genauso kann ich zum Beispiel durch Mediation und Persönlichkeitsentwicklung meine psychische Belastbarkeitsgrenze ausweiten und weniger reizbar werden.
Außerdem sind diese Grenzen sehr individuell, jeder hat andere Grenzen für sich selbst.

Der Unterschied zwischen Regeln und Grenzen

Im Gegensatz zu Grenzen werden Regeln von einer oder mehrerer Menschen aufgestellt und eine bestimmte Gruppe an Menschen hat sich an diese Regeln zu halten. Außerdem gibt es festgelegte Konsequenzen für das Brechen von Regeln, die meistens in Form von Strafen ausgeführt werden. Das Einhalten von Regeln wird somit durch Angst vor den Strafen durchgesetzt. Da Bedürfnisse und die Wahrnehmung des Lebens für alle Menschen sehr unterschiedlich sind, Regeln aber für alle Menschen gleichermaßen gelten, können diese häufig von einigen Menschen des Systems nicht nachvollzogen werden.

Wenn jemand die Grenze eines anderen Menschen überschreitet, dann hat dies meistens auch eine natürliche Konsequenz zur Folge. Da es meist zwischenmenschlich stattfindet, kann man hier mehr von einer Art Aktion und Reaktion sprechen. Natürlich sind auch diese nicht immer für alle nachvollziehbar, da jeder Mensch individuelle Grenzen hat und jeder Mensch auf die Überschreitung dieser Grenzen anders reagiert. Bei menschlichen Grenzen kommt noch der Faktor hinzu, dass diese auch nicht immer klar kommuniziert werden.

 

Brauchen unsere Kinder Regeln?

Da unsere Gesellschaft auf Systemen aufgebaut ist, werden sich unsere Kinder früher oder später an Regeln halten müssen. Desto älter sie werden, umso mehr Regeln kommen auf sie zu. Das beginnt beim Kindergarten, geht in der Schule weiter und nimmt bis zum Rest ihres Lebens kein Ende mehr.

In den veralteten autoritären Erziehungsstilen ging man davon aus, dass man Kindern von Beginn ihres Lebens an beibringen muss, sich an Regeln zu halten. Häufig herrscht heute noch der Irrglaube, dass Kinder sich später in ihrem Leben nicht an Regeln halten können, wenn sie nicht in ihrer Kindheit bestraft werden, wenn sie Regeln brechen.
Dabei wird häufig der Aspekt vergessen, dass Kinder viele Regeln einfach nicht nachvollziehen können und die Strafe für sie meistens eine Machtausübung der Erwachsenen darstellt, in der sie keinerlei Mitspracherecht haben. Wenn diese Strafe in Form von Liebesentzug oder gar körperlicher Gewalt durchgesetzt wird, entstehen bei Kindern meistens traumatische Erinnerungen, die sich in ihrem Energiesystem verankern und später ihr Leben erschweren. Doch auch wenn die Strafe keine psychische oder körperliche Gewalt ist, fühlen sich Kinder dabei häufig klein, machtlos und schwach. Auch diese Erfahrungen nehmen sie in ihr Selbstbild auf und tragen es noch im Erwachsenenalter mit sich herum.

Wie können sich Kinder dann später in ein System integrieren, wenn es zu Hause keine oder kaum festen Regeln gab?

Die Antwort lautet Motivation! Wenn ein Kind in den Kindergarten gehen möchte, muss es sich wohl oder übel an die Regeln halten, die dort vorherrschen. Genau das gleiche gilt für die Schule. Ein gutes Beispiel ist das Autofahren: Wenn dein Kind später mal einen Führerschein haben will, dann wird es sich an die Strassenverkehrsordnung halten müssen. Wir dürfen sie in ihrer Motivation unterstützend bestärken.

Es ist wahr, dass Kinder, die in der Familie sehr vielen strengen Regeln unterliegen und für das Brechen dieser stets konsequent bestraft werden, sich später auch „besser“ an Regeln in öffentlichen Systemen halten. Jedoch tun sie dies angetrieben von Angst, Angst vor der Strafe. Diese Kinder hinterfragen die aufgestellten Regeln dann auch im Erwachsenenalter weniger, sind weniger selbstbewusst und sind dadurch viel leichter zu leiten und zu manipulieren.

 

Brauchen unsere Kinder Grenzen?

Unser Leben hier auf der Erde bringt natürliche Grenzen mit sich. Alleine unsere lineare Zeit bringt Limitierungen mit sich. Derzeit hat jeder Mensch nur 24 Stunden am Tag zur Verfügung. Jeder mag diese Zeit unterschiedlich wahrnehmen und nutzen, doch sie ist für alle im gleichen Maß verfügbar und stellt eine zeitliche Grenze dar. Willst du an einem Tag mehr von dem einen tun, musst du weniger von dem anderen tun.

Wie bereits oben beschrieben, hat dabei jeder Mensch auch seine individuellen Grenzen und seine eigenen Konsequenzen, wenn diese überschritten werden.
Unsere eigenen Grenzen, psychischer und auch körperlicher Natur, sollten wir mit unseren Kindern klar kommunizieren, ihnen liebevoll sagen, wenn sie diese überschreiten und sie darin unterstützen, auch ihre eigenen Grenzen zu entdecken und diese stets klar mit allen Menschen zu kommunizieren. Wir sollten sie liebevoll in der Welt der Grenzen einführen, ihnen dabei logische Konsequenzen aufzeigen und vor allen Dingen geduldig dabei mit ihnen und uns selbst sein.

Wir Eltern denken häufig, wir sind so viel schlauer und viel weiter entwickelt als unsere Kinder und stellen uns dabei über sie. Dabei sind wir alle bei weitem nicht perfekt und können uns selbst mal beobachten, ob wir unsere Grenzen wirklich klar kommunizieren und ob die Konsequenzen für die Überschreitung dabei wirklich sinnvoll sind.

 

Wenn Kinder Grenzen austesten

Wir Eltern dürfen uns außerdem in unserer Geduld üben, denn unsere Kinder befinden sich wie wir auch noch im Lernprozess des Lebens. Wenn du das Gefühl hast, dass dein Kind bewusst und beabsichtigt deine Grenzen überschreitet und du das Gefühl bekommst, dein Kind wird dich ärgern, dann ist das mit hoher Wahrscheinlichkeit ein Ruf nach Aufmerksamkeit oder ein Bedürfnis nach Gleichberechtigung. Unsere Kinder brauchen unheimlich viel Aufmerksamkeit und diese fordern sie ein. Es ist manchmal sehr anstrengend ihnen so viel Aufmerksamkeit zu geben und wir sollten uns diesen Job auf jeden Fall mit anderen Menschen teilen. Allerdings sollten wir nachsichtig mit unseren Kindern sein, wenn wir merken, dass sie das häufig tun und schauen, was unser Kind dabei wirklich gerade braucht.

Wo liegt der Unterschied zwischen Strafen und logischen Konsequenzen?

Eine Strafe unterscheidet sich von der Konsequenz meist darin, dass sie nicht im direkten Zusammenhang mit dem auslösenden Geschehen steht.

Hat mein Kind zum Beispiel sein Geschwisterkind gehauen und ich als Mutter sage, dass das Kind deswegen nicht mehr zum Ausflug am Nachmittag darf, ist dies eine Strafe.
Hat mein Kind aber das Geschwisterkind dabei so sehr verletzt, dass es jetzt zum Beispiel Fußschmerzen hat und deswegen nicht mehr gut laufen kann, dann muss ich als Mutter das andere Kind zu Hause betreuen und kann nicht mehr zum Ausflug.

Ein anderes Beispiel einer logischen Konsequenz, ist meine Emotion auf eine Aktion meines Kindes. Macht mein Kind etwas von mir kaputt, macht mich das traurig oder gar wütend. Dass darf ich als Mutter ruhig auch authentisch und altersgerecht zeigen. Auch mit Freunden hat das Kind natürliche Konsequenzen. So schliessen Kinder automatisch andere Kinder eine Zeit lang vom Spiel aus, wenn diese gemein zu ihnen sind.

Eine Strafe ist es zum Beispiel, einem Kind etwas Süßes zu verweigern, weil es sein Zimmer nicht aufgeräumt hat. Will ein Kind allerdings über Tage hinweg seine Zähne nicht putzen, ist die Verweigerung der Süßigkeiten eine logische Konsequenz, weil es Karies bekommt, wenn es ständig Süßes isst und dabei nie die Zähne putzt.

Schlussendlich geht es hauptsächlich darum, dass unsere Kinder die Zusammenhänge von Aktion und Reaktion verstehen. Konsequenzen sind natürlich und wir dürfen unseren Kindern das auch gerne erklären. Sie sollten sich dabei aber nicht einfach übermachtet fühlen, sondern verstehen, dass diese Folgen logisch sind.

Brauchen Kinder Regeln überhaupt

Es bleibt letztendlich jeder Mutter und jedem Vater selbst überlassen, ob und wie viele regeln sie in ihrer Familie aufstellen. Hier gibt es wie immer kein Richtig und kein Falsch.
Wichtig ist dabei, die Regeln klar zu besprechen. Außerdem sollten wir uns gut zu überlegen, wie wir als Eltern reagieren wollen, wenn diese Regeln nicht eingehalten werden und auch das klar mit dem Kind kommunizieren.

Wir sollten dabei ganz klar von Strafen in Form von Gewalt, Liebesentzug und Demütigung absehen! Denn das erzeugt bei jedem Kind und schlussendlich auch bei uns Eltern mehr Trauma und negative Energieblockaden, als dass es irgendwem auf irgendeine Art hilft.

Auch bei Regeln sollten wir ehrlich mit uns selbst und mit unseren Kindern sein, warum wir diese überhaupt brauchen. Wenn wir es zum Beispiel gerne haben, dass alles zu Hause immer aufgeräumt ist, dann sollten wir erkennen, dass es unser ganz individueller Wunsch nach Kontrolle ist und wir verlangen, dass andere unserem persönlichen Wunsch nachgehen. Es ist in Ordnung, seine individuellen Wünsche zu äußern und diese gar als Regeln aufzustellen. Wir sollten dabei unseren Kindern allerdings genauso viel Mitspracherecht eingestehen, wie uns selbst. Und auch wir sollten uns dann gleichermaßen an ihre Regeln halten und uns bestrafen lassen, wenn wir das mal nicht tun.

Ich persönlich halte nichts von Strafen, da niemand auf der Welt das Recht hat, über jemand anderen zu bestimmen und eine andere Person zu etwas zu zwingen. Egal wie alt oder groß dieser Mensch ist. Wir sind alle gleichermaßen auf diese Welt gekommen und gehen alle genauso wieder weg. Jeder Mensch auf dieser Welt sollte gleichermaßen respektiert werden und das gilt eben auch für Kinder.

 

Danke, dass du diesen Artikel gelesen hast und Bewusstsein in dein Familienleben bringen möchtest.
Mit viel Liebe geschrieben,
Ksenija.

 


In meinem Podcast gehe ich noch weiter auf dieses Thema ein. Die passende Podcast Folge zu diesem Thema findest du hier.

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