Kontrolle über Kinder

Kontrolle: Wie sie der Beziehung zu unseren Kindern schadet

In den meisten Kulturen bauen die heutigen Erziehungsstile auf Kontrolle auf. Wir möchten unsere Kinder „im Griff haben“, ihre Entwicklung kontrollieren, ihr Verhalten kontrollieren und ihr Leben kontrollieren. Im Allgemeinen haben wir Menschen einen sehr starken Drang danach alles in unserem Leben unter Kontrolle zu haben.
Aber werden unsere Kinder dadurch später wirklich glückliche Erwachsene? Hilft die Kontrolle über unsere Kinder uns Eltern wirklich dabei einen entspannteren Alltag zu haben? Stärkt diese Kontrolle die Beziehung zu unseren Kindern oder schwächt sie diese sogar vielleicht?

 

Warum wir gerne alles unter Kontrolle haben

Wenn wir etwas unter Kontrolle haben, bekommen wir das Gefühl, die Zukunft lenken und zu einem gewissen Grad bestimmen zu können. Das gibt uns ein Gefühl von Sicherheit. Dieses Gefühl von Sicherheit ist der Antrieb von Kontrolle. Angst ist der größte Feind unserer Psyche und so gibt Sicherheit uns eben immer ein gutes Gefühl. Wir erstellen zum Beispiel einen Wochenplan und haben das Gefühl, die Zeit und unsere To Do’s unter Kontrolle zu haben. Wir machen uns Finanzpläne und haben somit das Gefühl, unsere Finanzen mehr oder weniger unter Kontrolle zu haben.

Sehr häufig versuchen wir unsere Beziehung unter Kontrolle zu haben, in dem wir versuchen unseren Partner zu kontrollieren. Wir möchten dadurch Enttäuschungen und Verletzungen aus dem Weg gehen. Manche Paare gehen soweit, dass sie die Freizeitaktivitäten oder den Freundeskreis des Partners kontrollieren möchten und dies auch krampfhaft tun. Wir versuchen unseren Alterungsprozess zu kontrollieren, indem wir teure Kosmetikprodukte verwenden, die uns eine optische Verjüngung versprechen. Oder indem wir uns darüber belesen, was unseren Körper fit hält und diese Vorgänge in unseren Alltag integrieren.

 

Worüber haben wir wirklich Kontrolle in unserem Leben?

Kontrolle über etwas zu haben, ist grundsätzlich nicht falsch. Die Frage ist nur, was wir versuchen zu kontrollieren. Denn es erfordert viel Einsatz von Energie und manchmal setzten wir diese einfach unbewusst falsch ein. Dabei verschenken wir diese Energie dann. In Folge dessen fühlen wir uns ausgelaugt und verstehen einfach nicht, wieso die Dinge nicht so laufen, wie wir es uns vorstellen, wieso unsere Kinder nicht das tun, was wir möchten.

Egal wie viel Energie wir einsetzen um Dinge zu kontrollieren, wir können das Geschehen im Außen immer nur bedingt kontrollieren. Wir können so viel unsere Woche planen wie wir wollen, doch wird ein Kurs verschoben oder stehen wir plötzlich im Stau, ist der Plan dahin. Wir sind nie völlig sicher vor unvorhergesehenen Geschehnissen und können die Welt um uns herum immer nur bedingt kontrollieren. Die extremsten Beispiele dafür sind der Verlust eines Jobs, der Verlust der Gesundheit oder auch der unvorhergesehene Tod eines geliebten Menschen. Und schon steht die Welt Kopf.

Worüber wir wirklich Kontrolle haben können, ist unsere innere Welt. Wir können absolute Kontrolle über unsere Gedanken, unsere Emotionen, unseren Energiefluss und unser Handeln haben. Außerdem  können wir bewusst steuern was wir fühlen, was wir sagen, was wir tun und was wir sehen wollen. Wir können unseren Fokus auf das Positive in unserem Leben ausrichten oder auf all die negativen Dinge. Das liegt nur an uns selbst und darüber können wir die absolute Kontrolle haben.
Ich sage hier ganz bewusst wir können, denn nicht jeder von uns hat auch die Kontrolle über all diese inneren Vorgänge. Das ist in unserer schnelllebigen Gesellschaft auch nicht immer einfach. Aber jeder von uns kann das trainieren und üben, die Kontrolle immer mehr nach innen zu richten, als nach außen. So setzen wir unsere Energiereserven besser ein und erzielen auch viel mehr Erfolge.

 

Die Kontrolle über unsere Kinder

In den heutigen Erziehungsmethoden geht es überwiegend um Kontrolle. Das zeigen alleine Sätze wie „dein Kind ist außer Kontrolle“, „du verlierst ja die Kontrolle über dein Kind“, „wer hat hier eigentlich das Sagen“, „dein Kind hat dich voll im Griff.“ Und so weiter.

Wir versuchen unsere Kinder zu kontrollieren. Da wir eine bestimmte Vorstellung davon haben, wie unsere Kinder jetzt und in Zukunft sein sollten, versuchen wir ihr Verhalten zu kontrollieren. Wir schreiben ihnen vor, wie sie sich in Anwesenheit von anderen verhalten sollen und bringen ihnen kulturell akzeptierte Manieren bei. Zusätzlich  kontrollieren wir ihren Tagesablauf in dem wir ihnen sagen, sie sollen sich morgens die Zähne putzen und sich wettergemäß anziehen (zumindest so, wie wir persönlich das Wetter wahrnehmen).
Wir sagen ihnen, dass sie zum Kindergarten oder zur Schule gehen müssen und auch wie sie sich dort zu benehmen haben. Wir verlangen, dass sie zuerst „etwas Vernünftiges“ essen sollen, bevor es Nachtisch gibt. Unsere Kinder sollen alles teilen sollen und immer schön freundlich sein sollten. Wir geben ihnen vor, wann sie ihre Hausaufgaben machen sollen und gestalten ihre Freizeitplanung durch Kurse, Aktivitäten oder Unterricht.  Ohne es vielleicht bewusst wahrzunehmen, versuchen wir sie und ihr Verhalten zu kontrollieren.

Wir möchten das Leben unserer Kinder nach unseren Vorstellungen gestalten. Dabei setzen wir häufig sehr viel Energie ein, indem wir beispielsweise Zeit in Planung investieren, unseren Partner versuchen eines Besseren zu belehren und uns dabei nicht selten streiten oder indem wir unseren Kindern Regeln aufstellen und diese dann mit sehr viel Einsatz von Energie versuchen durchzusetzen.

 

Doch ist dieser Einsatz von Energie immer sinnvoll und erfüllt er auch wirklich den Nutzen? Erreichen wir dadurch denn wirklich das was wir wollen?

Es geht darum, das Leben und das Verhalten unserer Kinder kontrollieren zu wollen. Doch Kinder sind sehr stark darin ihren eigenen Willen durchzusetzen. Und dazu haben sie auch ihr Recht. Da wir dann das Gefühl des Kontrollverlustes bekommen, geraten wir in Stress. Wir geraten in Panik und versuchen mit noch mehr Aufwand die Kontrolle weiterhin zu bewahren. Manchmal sehen wir keinen Ausweg als unseren körperlichen Vorteil auszunutzen und mit Gewalt oder Erpressung das Kind zum Handeln nach unseren Wünschen zu zwingen. Das passiert meistens nicht einmal bewusst und im Nachhinein haben wir ein schlechtes Gewissen. Wir wollten doch nicht schreien. Oder das Kind gar gewaltsam anpacken. Wir lieben unsere Kinder und Gewalt und Aggression hat wenig mit Liebe zu tun. Aber wir sind keine schlechten Eltern oder bösen Monster. Die Angst vor dem Kontrollverlust hat uns gepackt.

Wir als Eltern möchten die sehr individuelle Entwicklung unserer Kinder kontrollieren und tun alles um das Kind darin zu trainieren. Dabei gehen wir über die einfache Motivation und Förderung häufig hinaus und gehen über in Erpressung und Ausübung von Druck. Das Baby muss dann ewig schreiend auf dem Bauch liegen, auch wenn es das nicht will, weil es ja so langsam lernen muss, den Kopf zu heben. Dem Kleinkind werden gewaltsam die Zähne geputzt oder die Haare gewaschen. Oder das Kind darf erst raus zum Spielen, nachdem es eine Stunde lang Klavier spielen geübt hat.

 

Kontrolle loslassen

Dieses Verlangen nach Kontrolle loszulassen ist meist kein Prozess, der über Nacht passiert. Die Abläufe dieser Kontrolle sind sehr festgefahren und die Angst vor dem Unbekannten ist sehr groß. Desto mehr wir allerdings versuchen unsere Kinder zu kontrollieren, desto mehr greifen wir in ihre natürliche Entwicklung ein. Wir schaden ihnen dahingehend, dass sie ein Gefühl der Machtlosigkeit bekommen und dieses auch abspeichern. Ist dieses Gefühl einmal abgespeichert, entsteht daraus eine Programmierung.

Unsere Kinder werden sich dann auch im Erwachsenenalter machtlos fühlen und es als normal empfinden, wenn jemand anderes versucht sie zu kontrollieren. Je nachdem wie stark wir Macht über unsere Kinder ausgeübt haben, werden sie auch im Erwachsenenalter die Kontrolle über ihre Leben an andere abgeben. Oder sie übernehmen das Verhalten der Eltern und entwickeln selbst einen Kontrollwahn. Egal welches Extrem, beides führt zu Stress und Angst.

Wir selbst haben unseren Kontrollwahn aus unserer eigenen Kindheit mitgenommen, da die meisten von uns auch sehr autoritär erzogen wurden. Hier dürfen wir also unsere Schuldgefühle ablegen. Wir sind keine Monster mit Kontrollwahn, wir tragen einfach nur die eigene Programmierung aus unserer Kindheit herum.
Das zu erkennen und sich zu entschließen, den Drang nach Kontrolle immer mehr loszulassen, ist der erste Schritt. Genau genommen, ist es nicht nur der erste Schritt, es ist schon die halbe Miete! Denn sobald wir uns zu entschließen etwas zu verändern, bringen wir diese Programmierung aus unserem Unterbewusstsein in unser Bewusstsein. Dann wird uns immer mehr bewusst, wann wir versuchen unsere Kinder zu kontrollieren. Und wir lernen, los zu lassen. Ihr werdet erstaunt sein, wie viel entspannter das Leben ist, wenn man sich mehr und mehr erlaubt Kontrolle loszulassen. Wie viel Last und Druck plötzlich von einem abfällt!

 

Die Angst vor dem Ungewissen überwinden

Wir dürfen an unserer Angst arbeiten, die vor der ungewissen Zukunft aufkommt. Hier können wir uns immer die Frage stellen: Was ist das Schlimmste, was passieren wird? Meistens erkennen wir, dass die Welt nicht untergehen wird und dass unsere Kinder nicht als verkrümmte, asoziale Vollidioten enden, wenn wir diese eine Situation nicht kontrollieren.

Im Gegenteil, wir werden merken, wie viel Entspannung dadurch in unseren Körper und unseren Alltag einkehren wird. Wir werden merken, wie wir die Beziehung zu unserem Kind stärken und die Kooperationsbereitschaft unserer Kinder wächst, wenn wir ihnen die Kontrolle über ihr Leben lassen. Das heißt nicht, dass wir ihnen unsere Gedanken nicht äußern dürfen oder Tipps geben dürfen (ich würde eine Mütze anziehen, mir würden sonst die Ohren frieren, etc.). Wir dürfen uns einfach selbst beobachten und uns fragen: Gebe ich meinem Kind gerade eine Hilfestellung, eine Orientierung? Oder versuche ich gerade mein Kind zu kontrollieren? Welche Hilfsmittel setze ich dabei ein? Und sind diese generell moralisch vertretbar?

Jeder Mensch hat einen freien Willen und sollte über alles was er tut selbst entscheiden dürfen, das gilt auch für Kinder.

 

Menschenrechte gelten auch für Kinder

Unbewusst laufen wir mit dem Glauben durch’s Leben, unsere Kinder gehören uns. Dadurch fühlen wir uns für ihre Entwicklung und ihr gesamtes Leben verantwortlich. Doch wir müssen uns bewusst machen, dass Kinder trotz dessen, dass sie noch nicht vollständig entwickelt sind, genau die gleichen Rechte als Menschen haben, wie wir Erwachsene. Sie haben das Recht auf Freiheit und das Recht ihr Leben nach ihren Wünschen zu gestalten. Natürlich sind ihnen gewisse natürliche Konsequenzen des Lebens noch nicht bewusst. Diese sollten wir Eltern unseren Kindern auch erklären und liebevoll aufzeigen. Wir dürfen aber niemals mit Gewalt Kontrolle über unsere Kinder ausüben, denn sie lernen dann, dass es normal ist, sich mit Einsatz von Gewalt kontrollieren zu lassen.

Generell darf kein Mensch auf der Welt einen anderen Menschen kontrollieren. Jeder Mensch hat das Recht Entscheidungen nach seinem Willen zu treffen und frei von Gewalt zu Leben. Das gilt auch für Kinder.
Unsere Aufgabe als Eltern ist es nicht, sie zu kontrollieren. Unsere Aufgabe ist es ihnen Schutz, Liebe und den Raum für Entwicklung zu geben. Wir dürfen sie motivieren, aber nicht zwingen. 

Befreien wir uns von der Kontrolle, bringen wir Frieden und Vertrauen in unsere zwischenmenschlichen Beziehungen und vor allem, in die Beziehung zu unseren Kindern.

 

Danke, dass du diesen Artikel gelesen hast und Bewusstsein in dein Familienleben bringen möchtest.
Mit viel Liebe geschrieben,
Ksenija.

 


Wenn du lieber zuhörst, als liest, hör dir meine Podcast Folge zu diesem Thema an.

Was dich auch interessieren könnte:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.